41 Prozent – wie sich eine Wagner-Inszenierung und der Wahlkampf im Osten gleichen

Von Robert Grünewald*

Über die Gemeinsamkeiten von Oper und Politik ist schon viel geschrieben worden. Es gibt genuine Gemeinsamkeiten, also solche, die von vornherein beiden Metiers gleichermaßen innewohnen, wie der Einsatz von Rhetorik, Ritualen, Bildern und Symbolik. Und es gibt die inszenatorische Projektion, also die gezielte In-Szene-Setzung aktueller politischer Verhältnisse in den vorhandenen Erzählrahmen des Werks. In der Bayreuther Rienzi-Inszenierung des ungarischen Regieteams Szemeredy und Parditka scheint immer wieder das aktuelle Politik-Geschehen in Deutschland durch, mehr noch, sie erzählt als Parallel-Geschichte das vorweg, worauf das politische Deutschland erwartungsvoll starrt wie das Kaninchen auf die Schlange: den Wahlsieg der AfD im Osten.

Doch worum geht’s bei Wagners Rienzi? Die beiden rivalisierenden Adelsfamilien Colonna und Orsini haben Rom ins Chaos gestürzt. Da taucht ein päpstlicher Notar namens Rienzi auf – in dieser Rolle der großartige Andreas Schager – und verspricht den Bürgern, Freiheit und Ordnung wieder herzustellen. Er gewinnt die Unterstützung der Bürgerschaft und wird zum Volkstribun mit Regierungsgewalt ernannt. Die beiden Adelsparteien Colonna und Orsini sehen in ihm jedoch die Herrschaft des Proletariats und verbünden sich gegen ihn, der dem Volk die Freiheit von Tyrannei und Chaos versprochen hat. Ein Attentat auf ihn scheitert, die Adelsparteien bekämpfen ihn anschließend militärisch, doch mit Unterstützung der Bürger trägt Rienzi einen knappen Sieg davon. Der Sieg steigt ihm zu Kopf, er regiert mit Hybris und verliert folglich die Unterstützung der Bürger, die sich abwenden und sich schließlich gegen ihn stellen. Seine Residenz, das Kapitol wird in Brand gesetzt, in dessen Flammen er umkommt.

Rienzi, 1842 in Dresden uraufgeführt, galt allenthalben als Adolf Hitlers Lieblingsoper, wohl nach dem Erweckungserlebnis, das er bei einer Linzer Aufführung 1905 gehabt haben soll. Auf den Reichsparteitagen in Nürnberg erklang neben Märschen die Rienzi-Ouvertüre, in seiner großen Hitler-Biographie schreibt Joachim Fest dem wagnerschen Volkstribun die Vorbildrolle für Hitler zu.

Gleichzeitig mit der diesjährigen Spielzeiteröffnung wurde Bayreuth anlässlich des 150-jährigen Jubiläums zum Erinnerungsort an die im Nationalsozialismus verfolgten Künstler. Umso erstaunlicher ist zunächst, dass gerade mit Blick darauf die erstmals in Bayreuth aufgeführte Oper ganz ohne Anspielungen auf Hitler und den Nationalsozialismus auskommt. Aber: das braucht es auch nicht, denn es wird eine ganz andere, neuere Geschichte erzählt. Premierenkritiken wollen in der Inszenierung die Gesellschaftskritik an der neuesten Errungenschaft der Postmoderne erkannt haben: das Smartphone. Zu Recht, lehnt sich doch diese Deutung an die Kritik Wagners an der beginnenden Industrialisierung an, ihrer Beschleunigung der Lebensverhältnisse und der Vernachlässigung des Faktors Mensch.

Doch all dies ist nur die halbe Erkenntnis: es geht um mehr. Auf den Smartphones der Menschen auf der Bühne werden Fake News zur Radikalisierung der Follower gepostet. Regisseurin Szemeredy: „Wir müssen einen Bogen von der Vergangenheit bis in die Zukunft spannen, wo sich der Rechtspopulismus wieder stärker zeigt und zur Gefahr wird.“ Und ihre Kollegin assistiert: „Es ist eine politische Inszenierung.“ Die Grundmotive politischen Handelns sollen frei gelegt werden. Der Bayreuther Rienzi erzählt also noch eine weitere Geschichte.

Der Beginn der Bühnenhandlung spielt im Ost-Plattenbau, später fährt ein Trabi über die Bühne. Darum geht’s also, wenn die rivalisierenden Adelsparteien Colonna und Orsini, die sich das im Chaos versinkende Rom zur Beute gemacht haben, im ersten Akt als politische Parteien mit Wahlplakaten auftreten: am 6. September wählt Sachsen-Anhalt. Herausforderer Rienzi verspricht den Bürgern, aufzuräumen und wieder für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Auch eine TV-Debatte ist zu sehen mit den Spitzenkandidaten der beiden Adelsparteien, oder soll man mit Björn Höcke „Altparteien“ sagen, und ihrem Herausforderer Rienzi und seiner neuen Volkspartei. Er gewinnt die Abstimmung nach dem TV-Triell mit 41 Prozent. 41 Prozent: das ist exakt die Zahl, die die AfD in mehreren Meinungsumfragen seit Wochen erreicht. Zufall? Die Schlacht um Rom endet mit dem Magdeburger Wahlabend, wenn im Fernsehen die Prozentbalken der Parteien steigen. Sieger ist Rienzi und seine Volkspartei mit – 41 Prozent: die AfD lässt grüßen.

Angesichts der Aussicht, in der Opposition zu versauern, verbünden sich im zweiten Akt die Adelsparteien trotz aller Gegensätze gegen Rienzi. Das erinnert an CDU und Linkspartei, denen trotz aller politischer Unvereinbarkeiten Koalitionsabsichten unterstellt werden, um zusammen mit SPD und/oder Grünen die AfD in der Magdeburger Staatskanzlei zu verhindern. Nach der letzten MDR-Umfrage kämen CDU, Linkspartei und SPD zusammen auf 44 Prozent gegenüber den 41 Prozent für die AfD. „Die Gier nach dem Machterhalt“, so Orsini-Darsteller Michael Nagy, führt die verfeindeten Parteien zusammen. Unterdessen nimmt Wahlsieger Rienzi auf der Ara-Coeli-Treppe, auf der der historische Cola di Rienzo seine Ansprachen ans Volk gehalten hat, die Ovationen seiner Anhänger und Wähler entgegen. Eine Wahlparty gibt es auch, zu der das im Libretto vorgesehene Friedensfest nach dem Ende der Kämpfe umfunktioniert wird. Doch Colonna und Orsini werden sich nicht fügen, sie ertragen es nicht, dass eine Partei des „Pöbels“ die Regierungsgeschäfte übernimmt. Das Ringen geht weiter bis zu ihrer endgültigen Niederlage im dritten Akt.

Jetzt ist Rienzi als Regierender auf sich allein gestellt, was macht er mit der gewonnenen Macht? Schon die vorausgegangene Begnadigung seiner Gegner zeigt ihn als jemanden, der der normativen Kraft des Faktischen nichts entgegenzusetzen hat. Zudem: andere Regierungen wollen nichts mit ihm zu tun haben. Seine politische Lage wird immer schwieriger. Anhänger und Wähler, denen er das Blaue vom Himmel versprochen hat, wenden sich enttäuscht ab, dargestellt durch die Einblendung einer auf Null gesetzten Mandatsverteilung für seine Partei. Die AfD indes wird dies nicht beeindrucken, ihre Mandatsgewinne am Wahlabend in Magdeburg wird sie lautstark feiern. In Bayreuth aber wenden sich am Ende alle gegen Rienzi, der vereinsamt auf der Treppe den Tod findet, auf der sein Aufstieg begann.

Aus dem Wahlversprechen Rienzis, seiner Utopie, wird „Dystopie“, wie Regisseurin Szemeredy im Interview betont, die Katastrophe also. Das will das Regieteam mit dem Bayreuther Rienzi zeigen. Und Regisseurin Parditka fügt hinzu, man habe ein „Mahnmal für die Zukunft“ schaffen wollen. Ob die Wählerinnen und Wähler im Osten diese Warnung hören?

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*) Der Autor ist promovierter Politik- und Kommunikationswissenschaftler und nach langjähriger Tätigkeit bei der Konrad-Adenauer-Stiftung Geschäftsführer der GPK Gesellschaft für Politische Kommunikation in Bonn. Er ist ferner leidenschaftlicher Opern-Gänger.

Zwei Premieren: Rienzi in Bayreuth – die AfD in Magdeburg

2 Gedanken zu „Zwei Premieren: Rienzi in Bayreuth – die AfD in Magdeburg

  • 3. August 2026 um 14:43 Uhr
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    Hier der Link zum Theaterstück in Weimar.

  • 3. August 2026 um 14:34 Uhr
    Permalink

    Ein wahrhaft guter Beitrag zur politischen Kunst:

    Kunst muss nicht nur schön sein, auch wenn sie nach Goethes Rat dem Guten, Schönen und Wahren zur Erbauung der Menschen dienen soll.

    Kunst hat viele Aufgaben und Interessen, so auch gesellschaftliche, politische und nicht zuletzt wirtschaftliche.

    Das hier der Bezug der Inszenierung von Wagners Rienzi zur aktuellen schon längst vorhandenen Dystopie hergestellt wurde im Sinne eines Mahnmals vor bereits Vorhandenem erstaunt.

    Liegen doch schon andere Warnungen wie Filme, Reportagen und Theaterstücke vor, auch und gerade im Osten Deutschlands. Ich verweise hier gerne auf das in Weimar zum letzten Jahreswechsel präsentierte Schauspiel “Wir sind das Volk“, welches die hochbrisante Dynamik einer gespaltenen Gesellschaft offenbart.

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