Von Robert Grünewald*

Eine Meldung hat dieser Tage viele aufgeschreckt: Im Politiker-Ranking des Umfrageinstituts INSA ist die bislang superbeliebte Vorsitzende der Linksfraktion im Bundestag, Heidi Reichinnek, auf Platz 15 abgestürzt und rangiert nur noch knapp vor den maximal unbeliebten Leidensgenossen Chrupalla, Bas und Merz. Wer wissen will, wie das geschehen konnte, der muss sich zuerst mit den Erfolgsbedingungen, Entwicklungen und Begleiterscheinungen unseres demokratischen Systems beschäftigen, die überhaupt erst zu Reichinneks kometenhaften Aufstieg geführt haben.

Alle reden heute von der Mediendemokratie, die unser politisches System kennzeichnet. Gemeint ist damit der Einfluss der Medien auf politische Entscheidungsprozesse in der Demokratie und den Erfolg von Politikerinnen und Politikern. Was aber ist heute anders als früher? Früher musste ein Politiker erst aufsteigen, um große Medienaufmerksamkeit zu erzeugen. Heute ist Medienaufmerksamkeit die Bedingung für den politischen Aufstieg. Man kann dies auch mit der Veränderung der Medienlandschaft begründen. Als Adenauer Bundeskanzler wurde, gab es noch kein Fernsehen. Helmut Schmidt erlebte das Privatfernsehen nur noch als Kanzler a.D. Und Helmut Kohl musste ganz ohne Social Media auskommen, was sich Heidi Reichinnek wohl gar nicht vorstellen mag.

An Heidi Reichinneks Aufstieg lassen sich ziemlich genau die Bedingungen für politischen Erfolg in unserer Demokratie ablesen. In seiner „Soziologie des Parteiwesens“ hat Robert Michels 1911 den klassischen Aufstieg des SPD-Politikers über Ortsverein, Bezirks- und Landesverband, Fraktion bis hinauf in höchste Partei- und Staatsämter beschrieben. Der Abgeordneten und Fraktionsvorsitzenden Reichinnek wäre heute dieser beschwerliche Weg zu weit. Sie weiß, dass ein 30-Sekunden-Clip auf TikTok mehr Menschen erreichen kann als eine Stunde Bundestagsdebatte. Ihre zugespitzte Sprache ist nicht bloß Stilfrage, sondern ein politisches Instrument. Eine komplizierte Verteilungsfrage wird zur verständlichen Empörung, ein parlamentarischer Konflikt zur persönlichen Konfrontation. Und aus einer Rede wird ein Video, das Millionen Menschen sehen können. Auch AfD-Abgeordnete passen ihre Bundestagsauftritte mittlerweile den Nutzergewohnheiten von TikTok-Usern an – und haben Erfolg.

Reichinneks TikTok-Turbo elektrisiert allerdings auch die klassischen Medien, allen voran das Fernsehen. Tagesschau und Heute-Journal wollen nicht bei Seite stehen, wenn Reichinnek spricht. Denn sie erzeugt Aufmerksamkeit, Erregung, Emotion. Und so ersetzt nach und nach Erregung und Emotion die langweilige Information. Denn: Was emotionalisiert, wird eher gesehen. Was polarisiert, erzeugt mehr Reaktionen. Was sich personalisieren lässt, lässt sich leichter erzählen. Aber: was kompliziert ist, wie die Bahnreform, hat es schwer, auch bei ARD und ZDF. Besser erzählt sich eine Verkehrsminister-Entlassung: die menschliche Tragik versteht jeder, da muss man kein Bahn-Experte sein. Aber was passiert dadurch mit unseren Medien? Sie übernehmen immer mehr die Regeln der Popkultur. Und das Mediensystem als Pop-System macht aus der deliberativen Demokratie eine Pop-Demokratie, in der Politiker nicht nach der besten Lösung fragen, sondern danach, was als Clip funktioniert. Pop ist, wenn der bessere Auftritt über das bessere Argument siegt und der Aufmerksamkeitsbringer über die Sinnerklärung eines Gesetzes. Pop ist, wenn das Einfache über das Komplizierte siegt, weil es populär ist. Populär oder Pop ist ferner der Haltungsjournalismus, die Faschistenbekämpfung auch dort, wo keine sind, das Dissen von Trump und Merz, die knallige Queer-Parade, kurz: Politik als geiles Lebensgefühl. Politische Pop-Gesinnung ist in, Max Webers langweilige Verantwortungsethik ist out. Willkommen in der Pop-Demokratie.

Dass unter diesen Bedingungen der mit den Niederungen des politischen Alltags kämpfende Friedrich Merz weit abgeschlagen im Ranking landet, muss niemanden verwundern. Er mag für die Entlassung seines Verkehrsministers gute sachliche Gründe gehabt haben. Aber diese wogen gegen die coole Nettigkeit des Geschassten leider nur wenig. Dieser wiederum kannte wohl die neuen Regeln der Pop-Demokratie. Mit peppigen Goethe-Zitaten statt öden Fachinformationen begeisterte er in seiner Schlussrede die Medienvertreter. Auch Heidi Reichinnek wird’s gefallen haben.

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*) Der Autor ist promovierter Politik- und Kommunikationswissenschaftler und nach langjähriger Tätigkeit bei der Konrad-Adenauer-Stiftung Geschäftsführer der GPK Gesellschaft für Politische Kommunikation in Bonn.

Willkommen in der Pop-Demokratie!

2 Gedanken zu „Willkommen in der Pop-Demokratie!

  • 12. August 2026 um 21:36 Uhr
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    Die vierte Gewalt der Medien ist einerseits durch die Pressefreiheit gesichert und impliziert andererseits die Gefahr der Manipulation der WählerInnen.
    Social Media verstärkt diese durch ein nie da gewesenes Maß an Primitivität, Unglaubwürdigkeit und Verfälschung, dass es nicht zur Erbauung sondern zur Übelkeit führt.
    Da erscheint ein Spruch, ein Text, oder ein völlig aus dem Zusammenhang gerissenes Zitat…und schon stimmt die Mehrheit der User empört zu.
    Aber eines ist seit langem evident:
    Dass sich Demokratie abschafft durch emotionalisierte Debatten ist nicht erst seit Social Media bekannt.
    Vernünftige Menschen sind rar gesät!

  • 12. August 2026 um 18:17 Uhr
    Permalink

    So ist das! Besser eine stramme Behauptung als ein schlapper Beweis. Die Währung im politischen Business ist schon lange die Einschaltquote, heute die Klickzahl bei Statements im Netz.
    Und die Linke hatte immer schon das populärere Programm, das man mit Skandalisierung von Einzelfällen trefflich kommunizieren kann. Da bleiben die gewissenhaften Politiker, die sich mit komplizierten Detailfragen rumschlagen müssen, zwangsläufig auf der Strecke.

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