Antonio Scuratis mehrbändige Mussolini-Biographie als Schlüssel zum Verständnis des Faschismus‘ im 20. Jahrhundert – eine Buchbesprechung

von Robert Grünewald *

Wer noch nicht bei der Suche nach einem passenden Weihnachtsgeschenk fündig geworden ist, dem sei die mehrbändige Mussolini-Biographie des italienischen Schriftstellers Antonio Scurati empfohlen. Scurati ist studierter und promovierter Philosoph und Medientheoretiker, der für italienische Zeitungen als Publizist schreibt und zuletzt, obwohl selbst alles andere als ein Unterstützer Georgia Melonis und ihrer Mitte-Rechts-Koalition, sich lautstark mit der italienischen Linken angelegt hat wegen deren Putin-freundlichen Avancen im Zusammenhang mit dem Ukraine-Krieg. Seine These: Auch wer sich als Pazifist versteht, muss bereit sein, zu kämpfen, wenn es um die Verteidigung der Freiheit geht (siehe auch Rubrik Standpunkt: Europa braucht eine glaubwürdige Abschreckung).

Scuratis geistige Unabhängigkeit macht sich auch bemerkbar bei der Lektüre seiner Mussolini-Biographie. Er gibt sich nicht lange mit Bemühungen ab, Mussolini zu verdammen, ihn zu widerlegen oder dessen faschistisches Weltbild zu bekämpfen. Im Gegenteil: er beschreibt den Gang der Geschichte seit dem Ende des 1. Weltkriegs nüchtern aus der Perspektive des oftmals selbst ernüchterten Diktators, und damit eröffnet das Werk dem Leser einen tiefgründigen Zugang zum Verständnis der Beweggründe des italienischen „Sohn des Jahrhunderts“, wie der Autor seinen ersten Band überschrieben hat. Die Bände lesen sich insgesamt flüssig wie ein spannender Fortsetzungsroman, da der Autor auf das wissenschaftliche Beiwerk wie Fussnoten oder Anmerkungen verzichtet. Lediglich am Ende eines jeden Kapitels steuert er zur Dokumentation einige kurze archivalische Belege bei wie Zeitungsausschnitte, Brief-Passagen oder auch Abhör-Mitschriften des Geheimdienstes, was aber die Fesselung beim Lesen nicht beeinträchtigt. Und ganz nebenbei erhält man tiefe Einsichten auch zum Aufstieg Adolf Hitlers, der, man muss es spätestens nach dieser Lektüre so sagen, Mussolini 1:1 kopiert hat, seine Rhetorik, seine Propaganda und seine populistischen Auftritte in der Öffentlichkeit, die er übernommen und noch weiter perfektioniert hat. Denn von selbst ist dem gescheiterten Malerschüler aus Braunau nichts Intelligentes eingefallen, wie wir spätestens seit Sebastian Haffners exzellenter und noch immer gültiger Persönlichkeitsbeschreibung „Anmerkungen zu Hitler“ wissen.

In Band 1, der die Jahre von 1919 bis 1924/25 umfasst, erfahren wir von der Wandlung des ehemaligen Sozialisten und Herausgebers des italienischen „Vorwärts“, Benito Mussolini, geboren 1883, zum Gründer des „Popolo d’Italia“, einer radikal nationalistischen Zeitung, in der er gegen die Sozialisten anschreibt, an denen er sich für den früheren Rauswurf aus der Partei rächen will. Er trifft sich in Mailand mit Vertretern der „Arditi“, eines Veteranenverbandes, mit denen er seine politischen Ziele teilt und den Unmut darüber, dass Italien nur einen „verstümmelten Sieg“ an der Seite der Siegermächte errungen habe und bei der Verteilung der Kriegsbeute in Versailles krass benachteiligt worden sei. Schon hier wird die Parallelität zum von den deutschen Nationalsozialisten geschürten Hass gegen den „Schandvertrag“ augenfällig, auch wenn es sich um Sieger im einen und Besiegte im anderen Fall handelt. Mit den Veteranen und weiteren Weltkriegskämpfern gründet er die „Fasci Italiani di Combattimento“, als deren Anführer (Duce) er sich wählen lässt und die er schon bald in den bewaffneten Kampf gegen die Sozialisten schickt, ohne sich selbst die Hände dabei schmutzig zu machen. Er liegt mit seiner Muse, der Kultur versprühenden Schriftstellerin Margherita Sarfatti, Gattin eines Mailänder Rechtsanwalts, im Lotterbett, während die Squadristen, seine faschistischen Schlägertrupps, mordend und plündernd durch die Po-Ebene ziehen und jeden Sozialisten erschlagen, der ihnen in die Quere kommt. Auch seine Freundschaft mit dem Schriftsteller Gabriele d’Annunzio, selbst Faschist, hilft ihm, das Bild des Gewalttäters in das milde Licht des Kulturinteressierten zu tauchen. Richtig schlimm und lebensgefährlich wird es für die Sozialisten bereits nach der gewonnenen und für die Faschisten verlorenen Parlamentswahl im November 1919. Eine sozialistische Siegesfeier in Mailand wird durch eine faschistische Handgranate zum tödlichen Inferno. Das Prinzip, sich dabei in vornehmer Zurückhaltung zu üben, wendet Mussolini auch beim Marsch auf Rom im Oktober 1922 an. Wofür hat man denn seine Leute? Er diniert in Mailand im vornehmen Hotel Londra, während sein aus vier Anführern bestehender und zerstrittener Kommandotrupp von Perugia aus den Marsch der „Schwarzhemden“, einer überwiegend zerlumpten Fußtruppe, zu befehligen und zu steuern versucht. Erst nachdem er das Telegramm aus Rom mit dem Regierungsauftrag in den Händen hält, setzt er sich in den Zug in die Hauptstadt, um vom König empfangen zu werden, dies, obwohl seine faschistische Partei im Jahr zuvor nur mickrige 0,4 Prozent bei den Parlamentswahlen erhalten hat. Er braucht jedoch keine Parlamentsmehrheiten, denn er wird mittels Dekreten regieren, das Parlament sich Jahre später selbst auflösen. Er schreitet tags darauf in einer Parade am Tiberufer seine Truppe ab, „schlammverdreckte, ausgehungerte, Schlagstöcke schwingende Faschisten mit Dolchen am Gürtel“, eine optische Zumutung für ihn, den Duce und jetzt Capo del Governo. Als Regierungschef muss er sich aber bald im Parlament der Angriffe des mit allen Wassern gewaschenen Sozialistenführers Giacomo Matteotti erwehren, der ihn ein ums andere Mal schlecht aussehen lässt. Er lässt ihn kurzerhand ermorden, erschlagen und verbuddeln. Ein Hund gräbt den Leichnam aus, und um Mussolini ist es geschehen, so sieht es der Duce selbst. Der „Corriere della Sera“ und weitere Zeitungen fordern seinen Rücktritt. Im Parlament stellt er sich, schlapp und mit Magenkrämpfen geplagt, den Abgeordneten und fordert diese in einem letzten Akt des Aufbäumens mit der Frage heraus, wer unter ihnen seinen Kopf fordert. Keiner traut sich, die nach der vorausgegangenen Wahl siegreiche faschistische Fraktion jubelt, und der Duce hat seine größte Krise seit der Machtübernahme überstanden.

Im zweiten Band, der die Jahre bis 1932 behandelt, hat Mussolini zusehends mit den Problemen des Regierens zu kämpfen, wobei er aus seiner Sicht nur von unfähigem Personal umgeben ist. Nur er selbst steht aufrecht zur Idee des Faschismus, der Erneuerung Italiens und seiner Rückkehr zur einstmaligen Größe, jener des alten Imperium Romanum. Alle anderen sind Weicheier, das zeigt sich auch im Libyen-Feldzug, von dem ihm nur Probleme nach Rom gekabelt werden. Überdies wird von der unfähigen Generalität auch noch behauptet, dass die Regierung, also er, den Widerstandsgeist der libyschen Rebellen unterschätzt habe. Doch er selbst ist der „Mann der Vorsehung“, so der Titel des Bandes, der auch ein Attentat überlebt, natürlich, nur die Nase blutet ein wenig von dem Pistolenschuss, abgefeuert auf dem Kapitolsplatz in Rom. Er verlegt seinen Amtssitz vom Palazzo Chigi am Corso, wo heute wieder Georgia Meloni residiert, in den Palazzo Venezia am gleichnamigen Platz. Dort steht jetzt im großen Saal der Weltkarten sein Schreibtisch, und er hat zur Piazza hinaus einen kleinen Balkon, von dem aus er die Massen zu begeistern versucht für die Idee des Faschismus, die Größe Italiens, seine Ausdehnung über das Mittelmeer hinaus in die Weiten des nordafrikanischen Kontinents oder auch die wiedergewonnene Stärke der Lira als baldige Leitwährung. Sein Außenminister ist dagegen das Musterbeispiel eines Unfähigen, ein adliger Bonvivant und Müßiggänger, der sich in Nachtlokalen rumtreibt und zu allem Unglück auch noch seine geliebte Tochter Edda ehelicht. Immerhin gelingt es ihm, dem tatkräftigen Duce, zum Jubiläum der zehnjährigen Machtübernahme die Stadt in Teilen umzubauen, ihre einstige Größe wieder zum Vorschein zu bringen in der Via dell‘ Impero, wozu von 1500 Bauarbeitern 2203 Wohnungen abgerissen und 300.000 Kubikmeter Stein abtransportiert werden.

Der dritte Band setzt mit dem Jahr 1938 ein, und man ahnt schon gleich am Anfang, dass es ein Schicksalsjahr ist, Scurati überschreibt ihn mit „Die letzten Tage von Europa“. Es geht natürlich hauptsächlich um das Münchener Abkommen und die Einbindung Mussolinis. Er, der große Führer der mediterranen Welt, möchte natürlich nicht beiseite stehen, wenn Weltpolitik gemacht wird. Er ahnt aber auch, dass sein Land mitnichten auf einen großen Krieg vorbereitet ist, dies wird ihm von seiner Generalität ständig vor Augen geführt. Daher sieht er seine eigene Mission in München als die des großen Friedensstifters. Er wird von Adolf Hitler empfangen, der ihn einst bewunderte, ihn jetzt aber spüren lässt, wer Koch und wer Kellner ist. Wieder zurück in Rom gelingt es ihm, das Abkommen als sein großes Werk zu verkaufen, indem er auf dem Balkon ruft: „In München haben wir für den rechtmäßigen Frieden gewirkt. Das ist das Ideal des italienischen Volkes.“ Das Volk jubelt ihm zu, ihm dem Friedensbringer. Doch schon bald holt ihn die raue Wirklichkeit ein: Hitlers Überfall auf Polen zwingt ihn dazu, Farbe zu bekennen. Schwieriger als die Frage, ob und wie man den Feinden Frankreich und Großbritannien den Krieg erklären soll, ist die Frage, was er zur Kriegserklärung auf dem Balkon an der Piazza Venezia anziehen soll. Sommerliche weiße Kleidung erlaubt die faschistische Weltanschauung nicht. Also entscheidet er sich für die schwere schwarze Jacke des Ehrenkorporals der Miliz.

„Das Buch des Krieges“ ist der vierte Band überschrieben. Und es ist ein einziges Protokoll der schmählichen Niederlagen des italienischen Militärs, ob in Griechenland, auf dem Balkan oder in Nordafrika. Zwar gelingt es dem Duce noch, an der Seite des deutschen Siegers über Polen und Frankreich wie ein Held dem eigenen Volk gegenüber zu treten. Doch bald ereilen ihn die katastrophalen Meldungen von den Fronten, die er ignoriert, um sein Magenleiden nicht noch zusätzlich zu verschlimmern. Der deutsche Führer bestellt ihn indes auf den Obersalzberg ein, vermeintlich, um von ihm Rechenschaft für die Misserfolge einzufordern. Er fürchtet, zur Schnecke gemacht zu werden dafür, dass das Versprechen, Italien in eine Großmacht des Mittelmeers zu verwandeln, im griechischen Epirus und in den Wüsten der Cyrenaika jämmerlich zerschellt ist. Doch der Empfang ist überraschend herzlich, allerdings muss er ertragen, dass Hitler in einer zweistündigen Rede die großartigen militärischen Erfolge der Deutschen preist, während er, Mussolini, nichts Vergleichbares vorzuweisen hat. Er reist erleichtert und mit dem ungemein beruhigenden Gefühl wieder ab, dass da jemand ist, der den Krieg an seiner Stelle gewinnen wird. Doch dieser Eindruck wird bald wieder revidiert werden müssen: Stalingrad ist gefallen. Und schlimmer noch: am 4. Dezember 1942 tauchen 20 alliierte Bomber die Stadt Neapel in ein Blutbad, vernichten Häuser, Kirchen und Krankenhäuser, unter den Trümmern tausend Tote nur an einem Tag. Seiner Geliebten, Clara Petacci, erklärt der Duce kurz danach: „Es ist nicht das Magengeschwür, das mich fertigmacht, Clara, sondern mitansehen zu müssen, wie zwanzig Jahre mühevoller Arbeit und Mühen vor die Hunde gehen.“ Sie legt noch einmal die Platte mit Vivaldis Vierjahreszeiten auf, um ihn aufzumuntern, doch ohne Erfolg, er kommt zu dem Schluss: „Ja, ich bin wirklich ein Versager!“ Der Große Rat, der Parteivorstand der faschistischen Partei, kommt bald danach ebenfalls zu dieser Erkenntnis und setzt Mussolini als Parteiführer ab. Er selbst erscheint am 25. Juli 1943 ein letztes Mal in seinem Amtszimmer, sein getreuer Diener Navarra serviert ihm Orangenlimonade, Palermo ist gefallen, das römische Viertel San Lorenzo nach Bombenangriffen in Schutt und Asche, er muss da nochmal hin. Nach dem Besuch in den Trümmern lässt ihn der König abholen zum Quirinalspalast. Das Entlassungs-Gespräch dauert nur 20 Minuten. Er steigt danach nicht in einen Gefängnistransporter, so viel Restachtung bringt man ihm noch entgegen, sondern in einen Krankenwagen, der ihn in die Kaserne der Carabinieri-Schüler bringt, wo er in einem Zimmer eingeschlossen wird. Die Wachtposten vor der Tür vermerken, dass der Gefangene um 23.00 Uhr das Licht gelöscht hat.

„Finito, Benito“ heißt der italienische Titel des fünften und letzten Bandes, der die Jahre 1943 bis 1945 behandelt. Er liegt bislang nur in der Original-Fassung vor und soll im Frühjahr 2026 auf Deutsch unter dem Titel „Der Anfang und das Ende“ erscheinen. Der italienische Klappentext berichtet von der Deportation Mussolinis auf die Insel Ponza, wo er jedoch bald von deutschen Fallschirmjägern befreit wird. Er wird nach Salò am Gardasee gebracht, wo er an der Spitze eines Marionettenregimes weiter regiert. Es folgt ein abermaliger Besuch bei Hitler in Deutschland, der seine Vermittlungsbemühungen ablehnt. Auch Versuche der Verständigung mit dem italienischen Widerstand scheitern. Beim Versuch, sich mit seiner Geliebten in die Schweiz abzusetzen, wird er von Partisanen am Comer See gefangen genommen und schließlich am 28. April 1945 erschossen.

Antonio Scurati:

M – Der Sohn des Jahrhunderts. 830 S., Klett-Cotta 2020, 32,- Euro.

M – Der Mann der Vorsehung. 633 S., Klett-Cotta 2021, 28,- Euro.

M – Die letzten Tage von Europa. 430 S., Klett-Cotta 2023, 28,- Euro.

M – Das Buch des Krieges. 667 S., Klett-Cotta 2024, 32,- Euro.

M – Das Ende und der Anfang. Klett-Cotta (voraussichtl. Mai) 2026, 28,- Euro.

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*) Der Autor ist promovierter Politik- und Kommunikationswissenschaftler und nach langjähriger Tätigkeit bei der Konrad-Adenauer-Stiftung Geschäftsführer der GPK Gesellschaft für Politische Kommunikation in Bonn. 

Mussolini – die Kultur der Gewalt

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